Lokalisierung – über die Grenzen meines Viertels

Mein Viertel macht wahrscheinlich nicht einmal ein Achtel meines Bezirks aus, ist aber größer als mein Grätzl. Es finden sich die unterschiedlichsten, die Phantasie anregenden Namen wie zum Beispiel das Fasanviertel, das Rochusviertel oder das Weißgerberviertel und viele mehr, die von der Innenstadt bis nach Simmering reichen. Die vielen Viertel in diesem großen Bezirk sehen sehr unterschiedlich aus und spannen einen politischen und gesellschaftlichen Bogen von der gehobenen Klasse in den Botschaftsvierteln bis zu den Arbeitervierteln auf. Mein Viertel hat keinen Namen, weil ich die Grenzen abgesteckt habe. Es enthält die wichtigsten Stationen für meinen Alltag und mein Wohlfühlen. Es ist nur für mich entstanden und so zu meinem Viertel geworden.

Ich mag mein Viertel, weil es ein wenig abgelegen ist und nicht eindeutig irgendwo dazu gehört. Zwischen dem vielbefahrenen Donaukanal bis zur Landstraße und noch weiter bis zur Ungargasse. Unweit vom Hundertwasserhaus, das derzeit, erstmals seit ich hierhergezogen bin, nicht von Tourist*innen und Photograph*innen belagert wird. Ich mag besonders gerne die große Kirche mit dem Platz davor und die Verlängerung durch das Viadukt zum Radetzkyplatz. Dieser Bereich hat etwas Heimeliges, er lädt zum Verweilen ein; auf einer der Bänke vor der Kirche beim Brunnen oder in einem der Cafes. Menschen, die hierherkommen, kommen gezielt. Es gibt kaum Durchzugsverkehr und viele Wiener*innen sind noch nie in diesem Eck gelandet. Sonst müssen sich Menschen verirren, um den Weg hierherzufinden.

Mit dem Donaukanal, an dessen Ufer man entlang spazieren kann, ist das Wasser in Wien in mein Leben getreten. Ich liebe es, flußabwärts zu gehen und mitzuschwimmen ohne einzutauchen. So beginne ich auch zu fließen und lasse mich treiben. Das Viertel erscheint dann auf einmal grenzenlos, es erstreckt sich nach Niederösterreich, Bratislava und den Balkan bis zum Schwarzen Meer. Erst außerhalb meines Viertels mündet der Kanal in den Donaustrom und erhält durch die Vereinigung den Hauch der großen Welt. Ganz im Gegensatz zu meinem Viertel, das einen lokalen Charakter hat, sobald man dem Zentrum Wien Mitte den Rücken kehrt.

Was blieb – historische Spuren und Treffer mitten ins Herz

Ich wäre sehr enttäuscht gewesen, hätten nicht sowohl Mozart W.A. als auch Beethoven L.v. zu irgendeinem Zeitpunkt ihres Schaffens auch im dritten Bezirk residiert. Letzterer erst 18 Jahre nach Ersterem, sie sind sich also in meinem Viertel nie begegnet. Für beide war der Aufenthalt im dritten Bezirk eine Durchgangsstation in ihrem abwechslungsreichen Künstlerleben, nur Mozart kehrte nach seinem Tod zurück und weilt nun auf ewig in St. Marx.

Anders hingegen bei Ingeborg Bachmann. Zu der Zeit, als ich begann, Ingeborg Bachmann’s Bücher zu lesen, kannte ich Wien kaum geschweige denn mein Viertel. Damals las ich von ihrer Wohnung in der Ungargasse, der Straßenbahn, mit der sie nach Hause fuhr und ihren Spaziergängen im Viertel. Meine inneren Bilder von dieser Gegend entstammten also vorwiegend einem Prosawerk einer berühmten und von mir verehrten Autorin. In meinem Kopf waren sowohl das Haus als auch die gesamte Ungargasse grau und wenig reizvoll. Auf eine unbeschreibliche Weise geheimnisvoll, verlor ich mich in ihrem Ungargassenland. In der gleichen Straße also, in der Beethoven seine 9. Sinfonie vollendete, verortete Ingeborg Bachmann ihren Roman, in dem sie Ivan, Malina und die Ich-Erzählerin ansiedelte. Da, wo sich in monarchischen Zeiten die Gast- und Raststätten für die Reisenden aus Ungarn niederließen, verbrachte eine junge Frau aus Klagenfurt die Nachkriegsjahre und brannte ihre Erinnerungen später in ihre Werke ein. Als ich das erste Mal, nachdem ich schon lange in Wien gewohnt hatte, einen Ausflug in die Ungargasse unternahm, wähnte ich mich also gedanklich auf den Spuren großer Menschen. Damals, in den 1990er Jahren, fand ich weder Ungarn noch eine Vielzahl an Gaststätten, die an die Reisenden erinnern könnten, aber ich fand das Grau und es fühlte sich an, als wandle ich in den billigen Schuhen einer jungen Frau der Nachkriegszeit und ich zog meinen Mantel noch enger, so wie die Ich-Erzählerin in Malina.

Nur wenige Jahre später, nämlich 1995, saß ich weit weg in Nordengland in einem großen Kinosaal und die Tränen liefen mir über das Gesicht. Das zweite Mal innerhalb eines Jahres verspürte ich so etwas wie Heimweh, als ich Celine und Jesse über die schmale Brücke den Donaukanal in den dritten Bezirk queren sah. Natürlich „before sunrise“, denn danach waren sie vereint und mussten sich doch trennen. Das geschah zuvor erst einmal als ich, um meinen Mitbewohner zu ärgern, nach 8 Stunden Cricketmatch im Fernsehen auf irgendeinen Kanal umschaltete, und plötzlich Rex seine unbarmherzig treuherzigen Augen auf mich richtete, während sein Kommissar kluge Sprüche mit britischem Akzent von sich gab. Das war ein einmaliger Treffer mitten ins Herz einer begeisterten Auslandsstudentin. Celine und Jesse hingegen begleitete ich über all die Jahre durch all ihre Episoden, obwohl sie meinem Viertel inzwischen Paris und eine griechische Insel vorzogen. Es bleibt abzuwarten, ob Richard Linklater die beiden nach Jahren der Irrungen wieder nach Wien und in mein Viertel führt. So wie Kath Bloom in ihrem wunderschönen Titelsong “Come here” singt: “ … it‘s gonna be allright this time”. Eines Tages, wir werden sehen. Sie müssen ja nicht gleich hier begraben werden, auch wenn (die Musikgruppe) Wanda singend prophezeien: „sterben wirst du leider in Wien“ und es sich neben Mozart sicher gut bettet.

Aber jetzt – mein Viertel ist mein Jetzt

Ich bin erst vor fünf Jahren hierhergezogen und verband damals keine persönlichen Erinnerungen mit diesem Teil der Stadt. Nichts Aufregendes findet sich hier, sondern urbane Normalität. Das ist einer der Gründe, warum ich mein Jetzt-Viertel liebe. Es ist down-to-earth und lebensnah wienerisch durchmischt. Die Heterogenität der Wiener Bevölkerung findet sich wieder und ich weiß an jeder Ecke, dass ich in Wien bin. Mein Viertel ist mein Jetzt, denn es bildet nur die letzten fünf Jahre meines Lebens ab und markiert einen Neuanfang in meinem Leben. Es ist noch mehr „jetzt“, da ich die letzten fünf Jahre sehr wenig Zeit in diesem Land, dieser Stadt, meinem Viertel verbracht habe. Unabhängig davon, wie kurz oder lang, weit weg oder doch sehr nah ich war, ich kam immer gerne zurück. Es gibt für mich nicht wirklich einen Ort der Heimat als physische Repräsentanz mit genauen Koordinaten. Ich finde Heimat an vielen Plätzen, die Wärme ausstrahlen und an denen ich Verbindungen herstellen kann.

Verbindungen zu den Menschen, die ich dort antreffe, Verbindung zu der Natur, die mich umgibt, und vor allem Verbindung zu mir selbst. Mein Viertel ist einer dieser Plätze. Wo auch immer ich gerade bin, denke ich mit einem wohligen Gefühl an die Straßen, den Platz vor der Kirche, an dessen Ecke das Haus und hoch oben meine Wohnung. Ein Gefühl der Sicherheit und Wärme durchströmt mich, hier kann ich ruhen. Ein Ort, um Kraft zu tanken und dann wieder loszuziehen in die weite weitere Welt.

Mein Viertel ist mein Jetzt, denn noch nie zuvor habe ich so viel Zeit hier verbracht. Aufgrund von Covid-19 musste ich meine Reise abbrechen und früher als geplant zurückkehren. Das unfreiwillige Element hat mich die ersten Tage erstmals nicht einfügen lassen. Ein lock-down Empfang ist kein Willkommen und erschwert das Ankommen. Das Eingesperrtsein in meine Wohnung und mein Viertel hat unserer Beziehung zunächst nicht gutgetan. Zwang ist kein guter Mediator. Bald hat sich bei mir aber das Gefühl der Sicherheit eingestellt. Mein Viertel hat mich nach ein paar Tagen der Orientierungslosigkeit wie eine Wabe umgeben. Ich habe mich wochenlang nur in der Schutzhülle meines Viertels aufgehalten und tunlichst vermieden, dessen Grenzen zu überschreiten. Dabei habe ich es neu für mich entdeckt.

Ich habe einen neuen Blick entwickelt, der Details aufnimmt, die ich zuvor nicht wahrgenommen habe. Seien es Gassen, in denen ich zuvor nie gegangen bin, architektonische Details an Häusern oder Bäume und Pflanzen, die mir zuvor nie aufgefallen waren. Besonders erfreut haben mich Klänge und Geräusche, die in der allgemeinen Stille auf einmal hörbar wurden. Es waren vorwiegend Vogelgeräusche unterschiedlichster Natur, denen ich nachgehört habe und die so schön waren, dass ich mich bemühte, sie zu differenzieren. Auch die Luft schien anders und klarer und ich nahm erstmals bewusst den Geruch meines Viertels wahr. Diese neuen Intensitäten und das Erfahren mit allen meinen Sinnen haben die Beziehung zu meinem Viertel gestärkt und auf eine neue Ebene gehoben. Ich habe erfahren, dass ich hier sicher bin. Gut aufgehoben. Das bleibt.

Salam Kalam und Salam Orient

Ich habe diesen Text im Rahmen der Schreibwerkstatt Salam Kalam verfaßt. Für unsere Arbeiten haben wir Inspirationen von SchriftstellerInnen der Seidenstraße aufgenommen; unter anderen auch von Rafik Shami’s Text über sein Viertel in Damaskus aus “Eine Hand voller Sterne”. Das Salam Orient Festival gibt uns nach einem intensiven Sommer Kreativen Schreibens unter der Leitung von Helga Neumayer nun die Möglichkeit, Auszüge unserer Texte im Rahmen von zwei Lesungen vorzustellen.

Die zweite Lesung des Salam Orient Festivals findet am 13.10.2020 mit den AutorInnen Hamed Abboud, Sarita Jenamani, Aftab Hussein, Traude Pillai und den TeilnehmerInnen des Schreibzirkels statt. Live Musik gibt es von Sarvin Hazin (Kamanche) & friends.

Die HerausgeberInnen Sarita Jenamani und Dr Aftab Husain haben Texte unseres Schreibzirkels in ihrem digitalen Magazin Words and Worlds veröffentlicht. Words and Worlds ist eine bilinguale Zeitschrift für MigrantInnenliteratur. Salam Kalam ist darin eine kleine Sonderausgabe.

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