ein, zwei, drei, vier, fünf Sinne

Das Erleben der Wüste ermöglicht die Erfahrung der Leere und der Weite, des Sternenhimmels in der Nacht und der unberührten Natur. Wir werden konfrontiert mit uns selbst, ein Spiegel der Seele wird uns vorgehalten durch die Reduktion jeglicher Außenimpulse, seien es Lärm, visuelle Reize, Licht wenn es eigentlich dunkel ist, Kontakte mit anderen und soziale Anregungen. Auf diese Weise wird einem wieder nähergebracht, was wirklich wichtig ist, und was nicht. Demut und Respekt vor dem Leben, der eigenen Machbarkeit. Unser Wach-Schlafrhythmus passt sich der Natur an. Wir gehen bald nach Dunkelwerden schlafen, wachen spätestens mit dem Sonnenaufgang auf und erleben dabei, wie sich der eigene Rhythmus mit dem Licht verändert. Innere Wünsche, vielleicht tief verborgen, werden wiederbelebt, weil auf einmal Raum dafür da ist. Unsere fünf Sinne werden in ihrer Gesamtheit angesprochen, eben weil nicht einer alleine ständig überbeansprucht wird. Das Gefühl, wenn feiner Sand durch die Finger rieselt, barfuß gehen auf einer Dünenkante, der Sonnenuntergang mit dem Hereinbrechen plötzlicher Dunkelheit oder die Wärme des Feuers in der kalten Nacht und die vollkommene Stille …

Vieles berührt, das sonst untergeht und die Sensibilität wird wieder geschärft. Das Gehen, im Sand zählt jeder Schritt, erhält eine meditative Wirkung, die sich in einer Landschaft der Weite und des ewig-gleichen Horizonts noch verstärkt. Es erzeugt die Ruhe, in sich zu kehren, ohne äußere Ablenkung. Für manche eine Bedrohung, für andere eine Chance, wieder zu sich zu kommen.

Aus der Reduziertheit in eine neue Fülle

Mein Lernen aus den Erfahrungen des Wüstenwanderns zeigt sich auf unterschiedlichsten Ebenen, die auf den ersten Blick vielleicht gar nichts mit der Wüste zu tun haben. Prioritäten ordnen sich neu, manches, das zuvor wichtig oder belastend erschien, erhält danach einen anderen Stellenwert oder verliert sein bedrohliches Potenzial. Diffuse Ängste können sich erhellen und auflösen, wenn sie dem konkreten Erleben gegenübergestellt wurden. Am meisten zählen für mich aber die neuen Horizonte, die sich auftun und neue Möglichkeiten aufzeigen, an die ich zuvor in meinen Routinen und dem Üblichen nicht gedacht habe oder nicht zu denken gewagt habe. Und danach, zurück in der Fülle, erscheint alles bunt, farbenfroh und lebendig.

Emptiness is not nothingness

Wüstenwandern ermöglicht auch Erfahrungen, die uns unserer Weisheit näher bringen. In manchen spirituellen Texten werden die Wüste oder ihre Begleiterscheinung als Parabeln herangezogen wie zum Beispiel in der Bibel. Barbara Rauchwarter schreibt in ihrem Buch “Genug für alle” im Zusammenhang mit dem Auszug der Juden aus Ägypten: “Kaum ein Ort macht den Schrecken von Raum so deutlich wie die Wüste. Denn sie ist wie leerer, endloser Raum. Sie läßt das eigentlich Räumliche, das Körperhafte vergessen. Vielleicht kann sie deshalb zu einem Ort der Gotteserfahrung werden. Gott sprengt alles Räumliche.”

Die räumliche Erfahrung der Leere in der Wüste ermuntert dazu, diese auf unsere Existenz zu übertragen und zu reflektieren. Für die Buddhisten gilt: “emptiness is not nothingness it is the wisdom”. Thich Nhat Hanh erklärt das anschaulich und er sagt: “You (every person) are full of the cosmos but you are empty of a separate self. You are a lineage.”

 

Zuletzt noch eine Warnung! Wer einmal einsteigt, der kommt nicht so schnell wieder los. In dem Artikel über das erste Mal in der Rub al-Khali beschreibe ich diese Erfahrung als imprint, die Wüste hat sich mir eingebrannt. Alfons Gabriel hielt Folgendes fest:

…[die Wüste] Entsetzten bedeutet sie dem ihr Fremden ; unstillbare Sehnsucht zu ihr zurückzukehren, legt sie in das Herz dessen, der sie kennengelernt hat in ihren Herrlichkeiten und Schrecken. Eisern hält die Wüste den fest, der ihrem Bann einmal verfiel.

Alfons Gabriel, österreichischer Arzt und Forschungsreisender, aus seinem Buch: Durch Persiens Wüsten, 1935

Gute Reise!

 

Wichtige Referenzen:
Barbara Rauchwarter, Genug für alle, Biblische Ökonomie, 2012. Wieser Verlag
Das Foto mit Weitblick stammt von Uta

Zu Teil 1 der Überlegungen über das Wüstenwandern: Playdoyer für einen Sidestep aus der Komfortzone
In den Berichten von den unterschiedlichen Touren gibt es mehr Wüstenphotos.

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4 Kommentare. Hinterlasse eine Antwort

Marcus Rasen
15. Mai 2018 14:16

Seit 35 Jahren bereise ich die Sand-und Eiswüsten dieser Welt. Sei es zuerst mit dem Motorrad, später zu Fuß mit und ohne Kamel, oder auf Ski zum Südpol. Jedes mal habe ich trotz Grenzen der Erschöpfung Kraft geholt aus der Unwirklichkeit dieser Extreme. Diese Kraft läßt mich gelassener unsere teils stressige Zivilisation bewältigen. Viele Dinge bewerten wir hier über. Der Spruch: ” In der Ruhe liegt die Kraft” und dadurch das Überleben in den Wüsten ist eine wertvolle Erfahrung. Katja, Du hast mal wieder dafür wunderbare und treffende Worte gefunden.

    Lieber Marcus, vielen Dank! Am schönsten ist es, diese kraftvollen Erlebnisse zu teilen. Ich freue mich schon sehr auf deinen Vortrag zu all deinen Erfahrungen und das Wüstenkonzert.

Christine Profanter
27. April 2018 9:42

Deine Worte sind inspirierend und berührend. Ich freue mich immer mehr auf meine erste Wüstenwanderung 🙂 Im Hier und Jetzt Leere mit allen 5 Sinnen erleben und das an einem Ort dem Mutter Erde wohl besonders viel Schönheit und Liebe gewidmet hat. Die Bilder sind überwältigend.

    Ich freue mich sehr, dass meine Begeisterung ankommt. Das erste Mal ist besonders, insofern wünsche ich dir schöne Vorfreude!

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