In den Kaluts – Märchenschlösser bauen

Nach den Megadünen kamen wir in ein Gebiet, das Mehrdad, der langjährige Kenner der Lut, Sterndünen nennt, da sie in ihrer Formation spitz zulaufend diesen ähneln. Dort beginnen die ersten Kaluts, noch kleine Gesteinsformationen, die wie Pilze aus dem Sand ragen. Von oben hat man den Eindruck, auf archäologische Ausgrabungen zu blicken, da sich abgegrenzte Gesteinsstrukturen von der Sandebene scharf abheben. Darunter befindet sich auch das riesige „Auge der Lut“, das vom All aus betrachtet, genauso aussieht.

Je tiefer wir vordrangen, desto beeindruckender gestalteten sich die Gebilde und das Staunen wurde von Phantasien über Städte, Paläste, Burgen und großen Schiffsflotten angereichert. Mächtige Lehmformationen bilden Täler, die sich parallel verlaufend kilometerlang hinziehen. Sie wirken fast surreal, wie in einer Marslandschaft, outer space. Wind und Sand haben diese einzigartige Naturerscheinungen über die Jahre geschliffen. Ich war wie gebannt und wollte mich nicht mehr fortbewegen, sondern mein Zelt für einen unbegrenzten Zeitraum aufschlagen und mich durch die Straßen der unbewohnten Häuserschluchten aus Lehm treiben lassen.

Im Tal der Könige sind wir über das Teufelspflaster zum Märchenschloss gelangt, das oben am Berg thronte mitsamt seinen verspielten Türmchen. In der Morgensonne sind sie auf eimal wie mächtige Hochseeschiffe hinter dem Felsen aufgetaucht.

Der Weg hinaus – kein Stoff für Drogenschmuggler

Von der Ebene (Dasht) fuhren wir mit den Autos durch ein trockenes Flussbett, das sich lange dahin schlängelte und sich dann zu einem Canyon ausweitete. Auf einmal fuhren wir im Wasser und neben uns sprießten Dattelbäume und grellgrünes Gras aus dem karstigen Boden. Es kam so plötzlich, das erste Wasser und Grün nach zehn Tagen durch die trockene Leere, so als wäre es selbstverständlich immer da gewesen.

Von Keshid, einer verlassenen Stadt am Ausgang des Canyons, gelangten wir unvermittelt auf die erste Strasse, die aus der Lut hinausführt. Zurück in der Zivilisation musste sich die weibliche Besatzung wieder verhüllen. Nach zehn Tagen ungenierter Entblößung zogen wir Schleier und Mantel über unsere schmutzigen Wüstenoutfits. Wir starteten bei 200 und mussten über die Berge auf 2500 Höhenmeter hinauffahren. Am Weg ging uns das Benzin aus und wir gelangten stockend zum ersten Dorf. Dort brachten uns Einheimische bereitwillig ein paar Flaschen gefüllt mit Benzin. Tankstellen sind hier verboten, da keine Infrastruktur für die Drogendealer geschaffen werden darf. Wir befanden uns am Weg nach Kerman, einer Verbindungsroute von Afghanistan. Jetzt waren wir wieder in der Zivilisation angekommen, Menschen, die uns und unsere großen Autos verblüfft anstarrten. Zur Feier des Ausgangs gab es ZamZam, die iranische Variante von Fanta und Cola. Gekühlt!

Hier geht es zu Teil 1 von Magnitude meets Multitude und Teil 3 Die Wüste lebt

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6 Kommentare. Hinterlasse eine Antwort

Ich lese mit großem Interesse und ebensolcher Freude Deinen Bericht, obwohl oder wohl auch weil das – wie Du weißt – ganz und gar nichts für mich wäre. Reise und berichte weiter, so kann sich auch mein Horizont erweitern während ich mich hier gleichzeitig einer ebenfalls neuen, aber komplett anderen Aufgabe widmen kann.

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Marcus Rasen
4. Januar 2018 13:46

….wunderbar. Treffender kann man die Lut nicht beschreiben und dazu die wunderbaren Photos. Ein Ort, der so lebensfeindlich ist und doch so viel Frieden und Zufriedenheit ausstrahlt.

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