Meine Maryam wird von vier Frauen verkörpert, sie alle heißen Maryam. Ich bin ihnen zu unterschiedlichen Zeitpunkten auf meiner Reise durch den Iran begegnet. Ich spreche von einer viel-gesichtigen Maryam, ihr Alter bewegt sich zwischen 20 und 35 Jahren. Ihnen gemein ist nicht nur der Name. Ob nur für 30 Sekunden oder über mehrere Tage haben sie einen nachhaltigen Eindruck bei mir hinterlassen. Jede auf ihre Art und Weise.

Maryam will weg aus dem Iran. Sie fühlt sich betrogen. Die Eltern hatten ihre Freiheiten in der Kindheit und haben dann für ihre Revolution gekämpft. Gegen die zu offensichtliche Ausbeutung durch das Schah-Regime. Die meisten wollten nicht, was letztendlich daraus geworden ist, sie haben vereint für Gerechtigkeit gekämpft. Auch ihre Söhne und Töchter sind unzufrieden. Aber sie hatten niemals die Freiheiten ihrer Eltern. Maryam will diese Freiheiten jetzt. Deswegen lernt sie, deswegen arbeitet sie, ist fleißig und engagiert.

Ich habe Maryam auf der Kanju-Brücke in der Nacht getroffen. Ich stand auf der unteren Ebene einer der schönsten Brücken Isfahans zwischen zwei alten Mauerbögen. Dazwischen saßen Männer auf dem Mauersims zusammen und sangen persische Lieder. Immer wieder hat einer von ihnen den Ton angegeben und vorgesungen, bis die anderen eingestimmt haben. Die Stimmung war heiter, aufgekratzt, sie haben sich gegenseitig animiert. Es wirkte befreit, ihre Energie war ansteckend. Wie aus dem Nichts tauchten drei uniformierte Polizisten auf und holten gezielt zwei Männer aus den Reihen. Sie standen auf und gingen ohne Umschweife wenn auch etwas ungläubig schauend mit. Wir alle standen sichtbar herum, das tat nichts zur Sache. Selbst die Anwesenheit Fremder hat die Uniformierten nicht zögern lassen. Sie waren weg, es wurde weiter gesungen. Da wandte sich die junge Frau im schwarzen Chador neben mir an mich und sagte nur: „Do you speak English? Iran is bad! They don’t want us to be happy. I want to go away.“ Dann stellte sie mir ihren kleinen Bruder Mohammad vor und verabschiedete sich sogleich. Sie ließ keinen Zweifel offen, sie hatte keine Angst, ihre Abscheu war deutlich. Ich wollte kalmieren, sprach vom System, sie sah mir gerade ins Gesicht und verschwand mit ihrem Bruder an der Hand.

Maryam schaut konsterniert und ernsthaft. Sie wickelt alles ab, bis jeder einzelne in der Gruppe seinen Zimmerschlüssel hat. Unbeirrt davon, dass andere daneben lange warten müssen. Dann schaut sie auf und strahlt mich persönlich an. Als Rezeptionistin hat sie den Überblick, die Situation fest im Griff, gleich wie viele Menschen anstehen. Maryam ist noch nicht dort, wo sie sein möchte. Sie hat eine gute Ausbildung, und sie hat einen Job, den sie voll ausfüllt. Die Männer daneben, Angestellte gleich wie sie, wirken dagegen blass und ungelenk, stellenweise fadisiert, wenn nicht faul. Maryam ist motiviert, sie möchte lernen, andere Länder sehen, sich beruflich entwickeln. Von verschiedenen Seiten wird an sie herangetragen, dass sie im richtigen Alter sei, jetzt endlich Kinder zu bekommen. Sogar die Ärztin hat zuletzt auf sie eingewirkt. Die Unsicherheit ist groß, damit fällt die Unabhängigkeit, denn Familie und Kinder bedeuten im Iran immer noch zumindest eine längere Job-Pause. Frauensache, wie so viele Lebensbereiche im Iran. Ihr Vorteil ist die Ausbildung, sie gibt den Frauen Selbstvertrauen und macht sie gegenüber ihren männlichen Kollegen überlegen, ob als Rezeptionistin, Übersetzerin oder Managerin halten sie das Heft in der Hand.

Maryam hat einen Zwillingsbruder und zwei ältere Brüder. Sie arbeitet als Deutschlehrerin und ist als Tour Guide viel im Iran unterwegs. Die Familie unterstützt das, gibt ihr die nötige Freiheit, allein mit Fremden auf Tour zu gehen. Im Zusammenhang mit Arbeit ist viel erlaubt. Wenn sie nicht unterwegs ist, lebt sie bei ihrer Familie. Sogar als Berufstätige und finanziell unabhängig mit Anfang 30 kann sie nicht alleine wohnen. Wenn sie zu Hause ist, streitet sie viel mit ihrer Mutter. Als Tochter muss sie mehr Ansprüchen gerecht werden als ihr Zwillingsbruder, der sich noch dazu keine Freiheiten nimmt. Maryam nimmt sich immer wieder etwas heraus, sie ist manchmal unpünktlich und erzählt zu Hause nicht alles. Das fällt insbesondere auf, weil der Bruder so artig und konform ist. Das macht es schwer für sie. Maryam hat einen Freund, von dem die Familie nichts weiß oder zumindest nichts mehr weiß oder so tut, als wüsste sie nichts. Maryam hat diesen Freund schon länger, und es kam der Zeitpunkt, an dem sie sich entscheiden musste. Denn langfristig wird die Beziehung gefährlich, sogar in liberalen Familien ist eine weiße Ehe auf Dauer nicht möglich. Die Entscheidung war klar für den Freund und gegen die Heirat. Wer will schon alle Freiheiten verlieren, kurzfristig zum Sprachstudium nach Europa, raus aus den engen Grenzen des Regimes und ein unabhängiges Leben unterwegs mit Kunden, die von der weiten Welt erzählen und neue Eindrücke mitbringen? Wenn sie nicht zu Hause ist, telefoniert sie mehrmals täglich mit ihrer Mutter. Sie vermisst sie dann, wenn sie nicht da ist. Da ist es auch leichter, nicht alles zu erzählen. Der Vater sagt zu alledem nichts. Er lächelt bekräftigend, mehr braucht es für sie nicht.

 

 

Interessanter Artikel “Time to go with the flow”: https://en.qantara.de/content/womens-rights-in-iran-farewell-compulsory-veiling-time-to-go-with-the-flow

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