Landing in Teheran, Megacity

Blick von unten auf den Milad TurmChaos, Dreck und eine abgewohnte Stadt haben mich empfangen. Ich war schnell entnervt, als sie mir im Hotel, das ich mühsam per email vorreserviert hatte, mitteilten, es gebe doch kein Zimmer für mich. Die Alternative, die sie mir drei Straßen weiter zeigten, war einfach untollerierbar. Ohne Internet-Buchungssysteme sind wir nicht mehr gewohnt zu reisen, vor allem in einem Land mit fehlendem Individualtourismus. Im Iran ist fast alles anders. So viele Unbekannte und Ungereimtheiten haben mich am ersten Tag, mit dem gesamten Reisebudget für drei Wochen in bar am Körper, verunsichert. Heute fühlt es sich anders an, kein Ärger mehr, aber eine gewisse Unsicherheit ist noch da. Stundenlanges Laufen verunmöglicht mein beeinträchtigtes Knie. Ich muss mich zwischendurch hinsetzen und das Bein hochlagern, was schwierig ist, weil es in so einer großen Stadt nicht viele Sitzgelegenheiten gibt. Vor allem aber ist es völlig unpassend und unschick für eine Frau, ihr Bein in die Öffentlichkeit zu halten.

Eine neue Dimension

In der Früh habe ich vor dem Museumskomplex auf einer der raren Bänke mein Telefon liegen gelassen. Ein Mädchen ist mir weit nachgelaufen und hat es mir gebracht. Sehr freundlich. Überhaupt, die Frauen hier, eine neue Dimension. Sie sind aufmerksam, ermunternd, manchmal sogar keck, jedenfalls offen, zugänglich und interessiert. Eine Frau hat mitten auf der Straße mit mir persisch zu sprechen begonnen und dabei wie selbstverständlich die ganze Zeit meine Hand gehalten. Eine Wohltat für die Frauenseele, nachdem ich auf meinen Reisen im Nahen Osten auch unsolidarische Erlebnisse mit Frauen hatte. Auf der Straße laufen nichts desto trotz vorwiegend Männer herum, sie wirken locker und umgänglich und sie starren. Nicht nur, wenn mir wieder einmal der Schleier verrutscht. Ich verstehe das nicht, scheine auf Teherans Straßen die einzige mit diesem Problem zu sein. Schon bei der Ankunft am Flughafen, am Weg vom Visumschalter zur Passkontrolle, entglitt mir das Tuch. Auf einmal fühlt man sich nackt, schuldig und ausgeliefert, ob jetzt vielleicht irgendjemand kommt und sich beschwert oder die Moralpolizei eingreift. Es stresst mich, ständig greife ich mir auf den Kopf und immer wieder ist da nichts.

Dicke Tropfen prasseln herunter, Gewitter aber heute kein Hagel, obwohl die Berge im Norden bis tief hinunter schneebedeckt sind. Bei meiner Ankunft gestern war alles grau verhangen. Auf meine Frage nach dem Warum, habe ich vom Fahrer keine richtige Antwort bekommen. Nachdem die Perser sehr stolz sind, habe ich beim Thema Umweltschutz nach einiger Zeit nicht weiter nachgebohrt. Es waren aber eindeutig keine Regenwolken oder Nebel, sondern Smog. Die Luft im Stadtzentrum schneidet mir die Kehle zu, fast scharf kommen einem die Abgase und sonstige Verschmutzungen entgegen. Bei sechzehn Millionen Einwohnern und untertags angeblich an die zwanzig Millionen Menschen, viele davon im Auto, ist das nicht weiter verwunderlich.

Wie hält das Ding am Kopf?

Neues Tuch, selber Stress. Ich muss die nächste Iranerin Kopftücher drapiert auf Puppen im Sukansprechen, wie sie das machen. Ich starre schon ziemlich unverschämt, habe aber noch keine Hilfsmittel ausgemacht! Auf der Fahrt hier her, meine erste U-Bahnerfahrung im gemischt-geschlechtlichen Abteil, habe ich einige Nosejobs gesichtet und zwar sowohl bei Männern als auch bei Frauen. Ich wusste vorher, dass es sehr viele Nasenkorrekturen und Schönheits-OPs in diesem Land gibt, aber das Pflaster ist überall und es wird mit Stolz getragen.

Heute im Cafe Naderi nachdem es gestern bereits geschlossen war. Von einem Armenier vor 100 Jahren gegründet, heruntergekommener Charme, der mich zum Schreiben und Verweilen einlädt. Guter Cafe, unglaubliches Service. Fünf Männer, die herumstehen, meist gemeinsam und sich nicht scheren. Keine Aufmerksamkeit. Getestet nicht nur mir gegenüber, sondern an diesem Tag generell, wird hier nicht bedient, eher wird zwischendurch etwas an den Tisch gebracht. Sehr schnell im Vergleich dazu, und vor allem unaufgefordert, die Rechnung. Ein großes fast leeres Cafe, so soll es wohl auch bleiben.

Jetzt habe ich gefragt: wie hält das Ding am Kopf? Simin, eine moderne junge Frau, die glücklicherweise Englisch spricht, sagt: ohne Hilfsmittel und es hält nicht. Wobei ich keine sehe, die so rumwurschtelt wie ich. Kein Spray, keine Haarnadeln, einfach jahrelange Übung und die Gelassenheit der schönen Frauen hier!

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2 Kommentare. Hinterlasse eine Antwort

Danke für den stimmungsvollen Text und die Bilder. Eine Reise lebt immer von den Begegnungen …

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    ja unbedingt … die Begegnungen mit den Menschen im Iran sind einzigartig. Gegen jede Erwartung aus der medialen Auseinandersetzung.

    Antworten

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