Ich bin nun zwei Wochen in dieser Stadt, und jeder Tag ist ein eigenes Projekt. Ich schwanke zwischen Jubel „Wow! Heute habe ich zum ersten Mal im Restaurant für eine vegetarische Bestellung kein Huhn bekommen“ und Schreien, weil eingesperrt auf der Toilette im leeren Amtsgebäude der Uni vor dem langen Wochenende nachdem ich heimlich Wasser getrunken habe. Um es kurz zu machen: Ja, ich wurde nach einiger Zeit gerettet, weil ich glücklicherweise mein Handy mit der Nummer der Uni bei mir hatte und vor allem, weil die Person am anderen Ende zufälligerweise Englisch konnte. Das war aber ein außergewöhnlicher lucky punch, den ich nicht so oft hier erlebe.

Es ist schön in Amman, einer grauen, aber bewegten Stadt, die von sieben auf 19 Hügel angewachsen ist – und das – trotz dürftiger öffentlicher Infrastruktur. Iraker, Palästinenser, Syrer, derzeit Saudis (in 5-Sterne-Hotels gibt es auf den Zimmern in der Minibar Alkohol), Expats und nicht zu vergessen Jordanier. Im Moment ist allerdings alles nebensächlich außer Ramadan. Für die Muslime, die sich daranhalten, bedeutet das, ein Monat von 5 Uhr früh bis 8 Uhr abends nichts zu sich zu nehmen, das heißt kein Wasser, Essen, Tabak, alles verboten. Währenddessen wird hauptsächlich geschlafen und reduziert gearbeitet. Diejenigen, die arbeiten müssen, sind nicht in bester Laune, dafür ist um 8 Uhr Fastenbrechen, und dann geht das Leben los. Zuerst in den Häusern – kurz davor ist es mucksmäuschenstill in der Stadt – und dann auf der Straße. Für Nichtmuslime bedeutet das, ständig zwischen Dehydrierung und, in einer stinkenden Klokabine versteckt, heimlich Wasser Schlürfen herum zu jonglieren – beide Zustände inklusive Unterzuckerung und folgendem Fressanfall (es könnte ja das letzte Mahl sein) erlebe ich täglich. Weshalb man auch ohne Fasten ziemlich mitgenommen ist. Dazu kommt noch, dass wir StudentInnen (ich bin natürlich die Älteste, aber dazu ein andermal) untertags fit sein müssen, weil die Uni echt hart ist, und in der Nacht mithalten müssen, denn dann gibt es auf einmal etwas zu essen. In einem der wenigen legalen illegalen Cafés im christlichen Bezirk in Downtown das uns einmal Schutz und Wasser gegeben hat, saßen wir hinter zugezogenen Vorhängen und mit unterdrückter Lautstärke. Wir hatten ein gewisses Unruhegefühl, und die Tür war immer unter Beobachtung. Tatsächlich ist es in Jordanien so, dass die Polizei einschreitet, wenn Menschen auf der Straße Wasser trinken, ich möchte auch nicht die Reaktion der Fastenden erleben müssen.

 

Ich bin nach einer Woche in Downtown nun zwar näher bei der Uni aber am Rande der Stadt gelandet – auf dem Dach des Hauses eines Freundes einer Freundin, auf dem es einen kleinen Aufbau gibt. In diesem Horst mit sehr rudimentärer Einrichtung habe ich die letzte Woche verbracht. Wenn ich von meinem Dach auf die karstigen Hügel hinunterschaue, sehe ich große Autos, die zu den letzten Häusern hinfahren. Und einen Esel, auf dem einer der sehr Armen, umgeben von stinkenden Schafen, auf den Hügeln hin und her reitet. Insgesamt eine wilde Mischung mit Hunden, die in den Hügeln leben, und Katzen, die rund um die Mülltonnen hausen. Die Familie von Mohammad, meinem Gastgeber, ist entzückend, und ich durfte gestern bei Iftar, dem Fastenbrechen, dabei sein. Mit meinen ersten Arabischkenntnissen habe ich zum Amüsement der Familie beigetragen. Meine Manner- und Pischinger-Schätze sind längst geleert, weil ich so viele nette und unterstützende Menschen kennen lerne. Der Grund warum ich hier gelandet bin ist der Ramadan. Apartments sind in durchmischtem Zustand, um es höflich auszudrücken, und teuer, weil so viele Menschen hierherkommen. Vor allem aber kann man sie nur zwischen 22 und 24 Uhr besichtigen, denn vorher wird gegessen und davor wird geschlafen.

Ich ziehe als nächstes für zwei Wochen in ein Apartment nahe der Uni, weil ich versuche, höflich zu sein, und mich nicht dauerhaft auf dem Dach einnisten möchte. Höflichkeit ist allerdings ein arabisches Universum, das ich noch lange nicht verstehen werde.

zum Hören: Muezzin in Down Town Amman

zum Weiterlesen: Arabisch lernen – schweischwei

 

Malerin Renate Teuchmann skizziert farbige Ansichten auf die Stadt Amman

Amman, Renate Teuchmann

Das Titelbild “Amman” stammt von der Malerin Renate Teuchmann aus der Serie Jordanienreise.

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