Aufbruch 2015 – Aufgabe und Weichenstellung

Story without Glory

Wie kommt man auf die Idee, einen interessanten Job, gut bezahlt mit ansprechender Position, aufzugeben? Ist es eine Frage von Mut? Nicht für diejenigen, die eine Alternative im Kopf haben oder gelernt haben, los zu lassen. Das Neue und vor allem das Unbekannte machen Angst. Wir wollen an dem festhalten, was wir uns erarbeitet und erwirtschaftet haben, wir wissen, womit wir kalkulieren können, und wollen keinen Schritt zurückgehen. Es soll immer nach vorne, nach oben gehen. Aber Wachstum passiert nicht linear. Innehalten ist vielleicht kein Schritt nach vorne, aber die Voraussetzung dafür, dass es keinen Stillstand gibt. Manchmal hilft ein Zustand des Befreit-Seins oder des Nichts, um neue Wege zu eröffnen. Partner und Kinder werden oft vorgeschoben, um genau das nicht zu tun. Rücksichtnahme ist oft eine Ausrede, um selbst nicht aktiv werden zu müssen, so, wie wir ständig andere für unser eigenes Glück verantwortlich machen.

Die gute Position ist als solche bewertet, weil sie mit Ansehen, Geld und Macht versehen ist. Alles, was dazu gehört, um in unserer Gesellschaft als erfolgreich zu gelten. Der Jobtitel reicht. Dazu muss man gar nichts mehr hinzufügen. Keine dummen Fragen, weil er/sie ist Unternehmer/in oder Manager/in und hat eine verantwortungsvolle Position. Wie gehen aber Manager und Unternehmerin damit um, wächst er/sie noch? Wie sieht das das Team? Man kann es nicht alleine lassen, andere nicht hängen lassen. Bin ich so einmalig, dass die anderen nicht übernehmen könnten? Festhalten engt ein, die Sicht, die Kompetenz, die Wachstumsmöglichkeiten, die noch nicht da, aber schon in Reichweite sind. Und vor allem die eigene Überhöhung, zurück zur Angst, sich neu beweisen zu müssen, sich nicht ausruhen können auf Bewährtem, bereits erobertem Terrain.

Und dann sind wir enttäuscht, dass so viel brach liegen geblieben ist, wir unser Potenzial nicht ausschöpfen konnten. Wir immer einfach weitergelaufen sind, ohne uns umzudrehen oder kurz stehen zu bleiben, um zu entdecken, dass wir in die falsche Richtung laufen oder gar nicht mehr orientiert sind, wo wir eigentlich sind, und ob um uns herum noch andere sind, die uns dabei begleiten oder ob wir völlig alleine sind und die anderen hinter uns gelassen haben, ohne es zu bemerken. Wie in allen Beziehungen geht es auch bei der Arbeitsbeziehung um eine Verortung, die Überprüfung des eigenen Beitrags und des Vermögens, Gutes rund um uns zu stiften. Zweifel sind gesund, sie gehören dazu, sind kein alleiniges Indiz „zu lassen“. Oft muss man durch schwierige Phasen durchgehen, sie bestehen, um persönlich oder gemeinsam zu wachsen. Aber es gibt Punkte die Endpunkte darstellen. Für diese Erkenntnis braucht es nicht unbedingt Mut, aber Offenheit und das Befreit-Sein von Ängsten. Der Mut zeigt sich schon in einer Aktivität. Wir handeln, weil wir entschieden haben.

Allein das Aufgeben ist es wert. Eine heilsame Erfahrung. Klärend und befreiend; vor allem, wenn man die Freiheit hat, den richtigen Zeitpunkt zu wählen, umsichtig die Weichen zu stellen. Dann, wenn es am schönsten ist. Das heißt nach drei Bissen Schokolade, die am Gaumen zergehen und gerade ihren feinen Geschmack entfalten, das Papier zusammenzufalten und die Schokolade zurückzulegen. Von dort, wo wir sie hergenommen haben. Mit gutem Gefühl. Eine Sache der Willenskraft, der Achtsamkeit und des Trainings. Denn wer außer uns definiert, wie viele Bissen es sein sollen?

…Reichthum und Schnelligkeit ist was die Welt bewundert und wornach jeder strebt;
Eisenbahnen, Schnellposten, Dampfschiffe und alle mögliche Facilitäten der Communication
sind es worauf die gebildete Welt ausgeht,
sich zu überbieten, zu überbilden und
dadurch in der Mittelmäßigkeit zu verharren.

Goethe an Carl Friedrich Zelter
6. Juni 1825

Goethe war bekanntlich ein Bewunderer der arabischen und der persischen Kultur und er setzte sich mit dem Islam in positiver Weise auseinander. Goethe suchte die Sprache zu erlernen, wie es die Forscherin Katharina Mommsen höflich ausdrückte, und er beschäftigte sich mit Arabistik. Speziell in seinem Werk West-östlicher Diwan nimmt er dichterisch direkten Bezug. Aber auch Wilhelm Meisters Wanderjahre sind nach eigenen Angaben von Sheherazade in 1001 Nacht beeinflußt. Katharina Mommsen (Insel Verlag, Frankfurt 1988): Goethe und die arabische Welt

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